Vierteilige Interview Reihe zum Thema Mobbing und Mediation mit Prof. Dr. Dr. Christa Kolodej

Der ÖBM greift immer wieder aktuelle Themen auf, um im Sinne der Professionalisierung von Mediation die Kompetenz von Mediatorinnen und Mediatoren in unterschiedlichen Bereichen zu vertiefen. Für eine vierteilige Interview Reihe zum Thema Mobbing und Mediation konnte die Fachgruppe Gesundheit und Soziales, vertreten durch Mag. Susanne Ertl die Pionierin der österreichischen Mobbingforschung, Frau Prof. Dr. Dr. Christa Kolodej vor die Kamera bitten.



Auszug aus Teil 1: „Definition von Mobbing“

„Das Thema hat sich sehr stark verändert, neue Gesetze haben sich gebildet, eine neue Form des Mobbings, nämlich das Cybermobbing ist dazugekommen und die Bedeutung der Führung wurde immer klarer. Mobbing ist ein Führungsthema!“ so Prof. Kolodej. Neben der Definitionsfrage wird ein Rückblick über die Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte gegeben.

Erläutert wird ein wissenschaftlich geprüftes Screening-Verfahren, mit dessen Hilfe ein Mobbingverdacht schnell überprüft werden kann. „Es ist wichtig zu wissen, ob wir Dynamiken haben, die ins Mobbing gehen, weil wir dann mit anderen Interventionstechniken arbeiten und auch ein anderes Design in der Mediation wählen.“ führt Prof. Kolodej weiter aus.

Anhand eines Praxisfalls werden Rechtslage und Fürsorgepflicht näher erläutert. „Fürsorgepflicht heißt, dass der Vorgesetzte bzw. die Vorgesetzte angemessen und unverzüglich Abhilfe schaffen muss.“

Video Interview Teil 1 „Definition von Mobbing“

 


Auszug aus Teil 2: „Mobbing in Organisationen“

„In der Schule sieht Mobbing anders aus als in den Betrieben. Cybermobbing ist im Erwachsenenbereich noch nicht so dominant.“ erklärt Prof. Kolodej. Im Interview wird zunächst Mobbing im Bereich der Schule mit all seinen Auswirkungen und möglichen Präventionsansätzen erläutert. Die Vorgangsweise eines anlassbezogenen Ansatzes, des „No Blame Approach“, wird detailliert dargestellt. „Dieser Ansatz kommt aus der lösungsfokussierten Beratung und arbeitet ohne Beschuldigung.“ so Prof. Kolodej.

Im weiteren Verlauf werden Präventionsansätze für Betriebe besprochen und anhand konkreter Praxisfälle unterschiedliche Modelle aufgezeigt.

„Die Voraussetzung ist eine gute Analysephase, auf deren Basis entsprechend der Eskalationen im Betrieb unterschiedliche Modelle angeboten werden können – von der Schaffung einer Konfliktkultur, der Implementierung von Konfliktleitfäden bis zur Einführung eines Konfliktlotsensystems.“ erläutert Prof. Kolodej.

Video Interview Teil 2 „Mobbing in Organisationen“

 


Auszug aus Teil 3: „Mobbing und Mediation“

„Es gibt einen Grundsatz bei Mobbing: Man greift in die Situation erst ein, wenn man sie begreift. Das heißt, es braucht eine Vorphase, eine genaue Analysephase.“ so Prof. Kolodej. Und weiter: „Wenn man bei Mobbing eingreift, muss man über Gruppendynamik Bescheid wissen. Wir müssen mit unserem Interventionen Ausgleiche schaffen.“

Die Besonderheiten der Mediation bei Mobbing werden im dritten Teil des Interviews aufgezeigt, wie zum Beispiel Strategien bei Mobbingverdacht oder die Schaffung von Machtausgleich durch gezielte Interventionen. „Wichtig ist, dass die Darstellung des Opfers am Anfang steht.“ „Wo Meinungen drohen unterzugehen, müssen wir stützen.“ erklärt Prof. Kolodej das Konzept des Anwalts der Ambivalenz.

Als Empowerment-Massnahmen werden andere Mediationsansätze wie zum Beispiel die Mediation mit psychologischer Beratung bzw. Coaching diskutiert. Aspekte des Setting-Designs und die Anpassung an die psychische Konstitution der Betroffenen wird ebenfalls eingegangen.

Video Interview Teil 3 „Mobbing und Mediation“

 


Auszug aus Teil 4: “Dynamik und Intervention“

„Gruppendynamik spielt eine besondere Rolle bei Mobbing. Wenn es destruktive Gruppenentwicklungen gibt, müssen wir Re-Individualisierungsprozesse einleiten.“ sagt Prof. Kolodej. Und weiter: „Wenn wir eine sehr hohe Eskalationsstufe haben mit einem Ausschlussphänomen eines Einzelnen, würden wird in einem ersten Schritt nicht in die ganze Gruppe gehen“.

Experimente wie das von Solomon Asch werden näher erklärt und daraus Interventionsansätze für eine Re-Individualisierung abgeleitet. Anhand des „Participant Role Approach“ werden die unterschiedlichen Rollen bei Mobbing aufgezeigt.

Machtausgleichsstrategien, die von Betroffenen selber eingeleitet werden können, werden ebenso besprochen wie die von Prof. Kolodej entwickelte “Organisations-Soziometrische Analyse”.

Video Interview Teil 4 „Dynamik und Intervention“

 


 

Die komplette Interviewreihe finden Sie hier.


Danksagung

Im Namen der Fachgruppe Gesundheit und Soziales darf ich mich herzlich bei Frau Prof. Dr. Dr. Christa Kolodej bedanken, dass Sie uns so zahlreiche Einblicke in die Ergebnisse ihrer Mobbingforschung gewährt hat und uns Mediatorinnen und Mediatoren ein wertvolles Handwerkszeug bei Mobbing zur Verfügung stellt.


Autorin: Dieser Artikel wurde von Mag. Susanne Ertl verfasst.


Film und Fotos: Christoph Schacher

About the Author

Susanne ErtlView all posts by Susanne Ertl

Copyright 2019 | Österreichischer Bundesverband für Mediation: Fachgruppen News