Veranstaltungsrückblick Oö.-Einblick in das Praxisfeld Wirtschaftsmediation

Von Raphael Albert am 7. Januar 2018 in Highlight, Mediation, Wirtschaft
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„Wir bewegen uns auf einem Nachfragemarkt“ lautete eine wichtige Botschaft des Einblickes in das Praxisfeld „Wirtschaftsmediation in Österreich“, zu dem die Fachgruppe Wirtschaft, die Plattform Berufseinstieg & Ausbildung in der Mediation und die Landesgruppe Oberösterreich am 15. November 2017 nach Linz eingeladen haben. Die Vortragende MMag.a Dr.in Judith Girschik, Sprecherin der Fachgruppe Wirtschaft und selbst erfahrene Wirtschaftsmediatorin, vermittelte den anwesenden ÖBM-Mitgliedern dabei nicht nur ein allgemeines Stimmungsbild, sondern präsentierte auch umfangreiche Zahlen, Daten und Fakten zum Thema Mediation in der Wirtschaft.

 

Wirtschaftsmediation ist kein Selbstläufer

Als Mediatorinnen und Mediatoren betonen wir häufig, welche Vorteile die Mediation gegenüber anderen Formen der Konfliktbereinigung hat. Besonders die vergleichsweise niedrigen Verfahrenskosten, ein vermeintlich wirtschaftliches Argument, werden dabei gerne ins Treffen geführt. Der Blick auf den Markt zeigt allerdings, dass allein damit kaum neue Kunden angeworben werden können. Offenbar gilt eben auch für die Wirtschaft, dass sich am Ende doch nicht immer alles nur um Geld dreht.

Und auch sonst vermag sich Wirtschaftsmediation nur schwer von selbst als professionelle Dienstleitung zu vermarkten, ist Judith Girschik überzeugt, und bestätigt damit zugleich die eigenen Erfahrungen zahlreicher Mediatorinnen und Mediatoren. Hinzu kommt, dass gleich mehrere Berufsgruppen dazu berechtigt sind, im Rahmen ihres jeweiligen Berufsbildes auch Mediation anzubieten. Dementsprechend ist die Zahl der Personen, die mehr oder weniger aktiv als Mediatorinnen oder Mediatoren tätig sind, nahezu unüberschaubar geworden. Gleichzeitig sind Wirtschaftstreibende derzeit aber noch vergleichsweise zurückhaltend, wenn es darum geht, Mediation in Anspruch zu nehmen. Belastbares Zahlenmaterial führt Judith Girschik dabei etwa für den Bereich der Lehrlingsmediation (Ausbildungsübertritt nach §15a durch den Lehrberechtigten) an. Hier fanden lt. aktueller Studienlage im Jahr 2015 etwa nur 45 und im Jahr 2016 lediglich 49 (Lehrlings-)Mediationen statt.

Wirtschaftlich ausgedrückt übersteigt also das Angebot die Nachfrage. Für Mediatorinnen und Mediatoren birgt der sich daraus ergebende Nachfragemarkt besondere Herausforderungen, zu denen laut Judith Girschik vor allem Professionalisierung und Kommunikation zählen. Hier ist jedenfalls Handlungsbedarf gegeben, will man erreichen, dass Wirtschaftsmediation künftig mehrheitlich als professionelle Dienstleitung und echte Alternative zu anderen Formen der Konfliktbereinigung wahrgenommen wird.

 

Professionalisierung als Schlüssel

Neben der Mediation sind es vor allem die Mediatorinnen und Mediatoren, die von sich überzeugen müssen, ist Judith Girschik sicher. Denn Wirtschaftstreibende wenden sich üblicherweise an zuverlässige Experten, wenn es darum geht, eine bestimmte Problemstellung zu bearbeiten. Dass in steuerlichen Angelegenheiten ein Steuerberater beigezogen oder ein Rechtsanwalt mit der Vertretung in einem Gerichtsverfahren beauftragt wird, ist ohne jeden Zweifel wirtschaftliche Normalität. Dabei wird Angehörigen dieser Berufsgruppen regelmäßig schon im Voraus erhebliches Vertrauen entgegengebracht. Ein Umstand, der laut Judith Girschik vor allem der allgemeinen Zuschreibung von Professionalität geschuldet ist. Etwas, das Mediatorinnen und Mediatoren bislang offenbar nicht im selben Ausmaß erreichen konnten.

Die Gründe dafür sieht Judith Girschik einerseits darin, dass ein klar umrissenes Berufsbild der Wirtschaftsmediation fehlt. Das hat zur Folge, dass Wirtschaftstreibende kaum nachvollziehen können, welche Kriterien für Berufszugang und Berufsausübung gelten. Mit anderen Worten ist es den Wirtschaftstreibenden also oftmals nicht möglich, zu beurteilen, ob Mediatorinnen und Mediatoren tatsächlich eine qualitativ hochwertige Dienstleistung erbringen können. Andererseits stehen aber auch die einzelnen Mediatorinnen und Mediatoren in der Verantwortung, durch eigenes Handeln einen Beitrag zur positiven Wahrnehmung der Wirtschaftsmediation zu leisten. Ein solcher Beitrag erfordert laut Judith Girschik allerdings persönliche und fachliche Kenntnisse, die über das im Rahmen der Mediationsausbildung erworbene Methodenwissen hinausgehen. Denn Konflikte, die im wirtschaftlichen Umfeld stattfinden, sind häufig von besonderer Komplexität geprägt und die Anforderungen an Mediatorinnen und Mediatoren entsprechend hoch. Neben der Expertise für Konfliktbearbeitung sollten Mediatorinnen und Mediatoren deshalb auch Kompetenzen in den Bereichen Unternehmensführung und Unternehmensorganisation mit an den Tisch bringen, ist Judith Girschik überzeugt.

 

Sei professionell und sprich darüber

Gelebte Professionalität allein garantiert aber freilich noch keinen wirtschaftlichen Erfolg. Wichtig ist außerdem, wie Mediatorinnen und Mediatoren dem Markt begegnen. Die Erfahrung zeigt dabei, dass sich Wirtschaftsmediation üblicherweise nicht von selbst vermarktet und bei Wirtschaftstreibenden mitunter sogar auf regelrechte Skepsis stößt, die nicht immer nur in der begrifflichen Nähe zu einer ganz anderen Disziplin begründet ist. Derzeit wissen Wirtschaftstreibende noch zu wenig über den Mehrwert, der durch eine professionell durchgeführte Mediation geschaffen werden kann.

Es braucht professionelle Kommunikation mit möglichen Kunden, damit Wirtschaftsmediation künftig auch tatsächlich als echte Alternative zu anderen Formen der Konfliktbereinigung wahrgenommen wird, ist Judith Girschik überzeugt. Mediatorinnen und Mediatoren sollten sich dabei zunächst selbst als Unternehmer begreifen, die sich und die von ihnen erbrachte Dienstleistung entsprechend bewerben müssen. Hierfür muss das Rad natürlich nicht erst neu erfunden werden. Vielmehr kann auf ein breites Feld an Wissen über Dienstleistungsmarketing und Kommunikation zurückgegriffen werden. Hier sollten Mediatorinnen und Mediatoren also nicht davor zurückschrecken, Expertise aus anderen Fachgebieten in Anspruch zu nehmen.

 

Mehr als (nur) eine Methode

Abschließend ermutigt Judith Girschik aber auch zu mehr Selbstverständnis als Mediatorinnen und Mediatoren. Denn damit Wirtschaftsmediation als eigenständiges Berufsbild, und eben nicht nur als mehr oder weniger abstrakte Methode, wahrgenommen werden kann, müssen sich Mediatorinnen und Mediatoren zunächst einmal selbst als solche begreifen.

 

Ausblick: Tag der Mediatorinnen und Mediatoren

Seinem Selbstverständnis als größter Berufsverband in Österreich entsprechend macht es sich der ÖBM zur Aufgabe, seine Mitglieder mit dem notwendigen Handwerkszeug auszustatten und so einen Beitrag zur Professionalisierung der Mediation zu leisten. Deshalb veranstaltet die Landesgruppe Oberösterreich heuer erstmalig den Tag der Mediatorinnen und Mediatoren. Diese Veranstaltung soll einen Rahmen bieten, in dem sich Mediatorinnen und Mediatoren mit ausgewiesenen Experten aus relevanten Fachgebieten austauschen können. Der diesjährige Themenschwerpunkt wird dabei auf den Bereichen Dienstleistungsmarketing und Kommunikation liegen. Weitere Informationen zu Zeit, Ort und den Inhalten der Veranstaltung folgen.

 

Ein Beitrag von Raphael Albert, Leitung des Ausbildungsbeirats

 

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