Persönlichkeit und Konfliktverhalten

By Judith Girschik on 17. Juli 2019 in Highlight, Mediation, Wirtschaft
4

Im Rahmen des Landestreffens des ÖBM Steiermark fand auf Einladung von Darshaka Pathirana (Landessprecher Steiermark) und Dr.in Stefanie Flaig (Landessprecher Stellvertreterin) am 27. Juni ein Vortrag zum Thema „Konfliktverhalten und Persönlichkeit“ in Graz statt.

Dr. Judith Girschik und Mag. Bernhard Dworak diskutierten mit den Teilnehmern darüber, wie unsere Persönlichkeit Einfluss darauf nimmt, wie Konflikte entstehen, wie Konflikte verlaufen und letzlich gelöst werden können.  Aktuelles Wissen aus der internationalen Persönlichkeitsforschung stellte die Basis für diese Diskussion dar.

Das Fünf-Faktor-Modell (Big Five) ist das aktuell am Besten erforschte Modell der menschlichen Persönlichkeit. Es beschreibt unser Temperament auf Basis fünf unterschiedlicher Eigenschaftsbündel. Dazu zählen Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Offenheit und Neurotizismus. All diese Eigenschaften sind (vergleichbar etwa mit Intelligenz) normalverteilt und lassen sich mittels wissenschaftlich basiertem Persönlichkeitstest messen. Die anschauliche graphische Darstellung durch ein Persönlichkeitsprofil erleichtert Verständnis und Interpretation der Testergebnisse.

Wesentliche Elemente der Persönlichkeit

Je nachdem, wie stark jede der fünf genannten Eigenschaften ausgepträgt sind, können wir auf konkrete Stärken einer Person schließen. So wirkt eine Person mit einer starken Ausprägung in der Dimension „Verträglichkeit“ meist sympathisch, kooperativ und empathisch. Darüber hinaus wird sie Konflikte nach Möglichkeit meiden. Eine gegenteilige Ausprägung lässt eher Wettlkampforientierung (Konfliktbereitschaft) und ein eher geringes Vertrauen in andere Menschen schließen. 

Eine weitere relevante Größe in diesem Zusammenhang ist die Eigenschaft „Offenheit“ (Openness to Experience): Ein hohes Maß an Offenheit beschreibt Menschen, die über ausgeprägte intellektuelle Neigungen und/oder ästhetisches Interesse verfügen. Eine gegenteilige Ausprägung lässt auf ein starkes praktisches Interesse und die Tendenz, an Bewährtem festzuhalten, schließen. 

Gewissenhaftigkeit (Conscientiousness) beschreibt den Grad der Zieloreintierung eines Menschen. Relevante Facetten dieser Eigenschaft sind Ordnungssinn und Fleiß. Menschen, die über beides verfügen, finden sich typischer Weise in hierarchisch strukturierten Organisationen gut zurecht. Menschen mit einem geringen Grad an Gewissenhaftigkeit zeichnen sich hingegen durch große Flexibiliät aus, die etwa in Start-Ups gefragt ist. 

Extraversion: Stark extravertierte Menschen suchen üblicherweise den sozialen Kontakt mit anderen. Sie umgeben sich nicht nur privat, sondern auch im Büro gerne mit anderen Menschen. Häufig verfügen sie auch über ein hohes Maß an Selbstbehauptung, Energie und Tatkraft. Das lässt sie Konflikte mit größerer Leichtigkeit bewältigen als etwa introvertierte Personen. Diese arbeiten gerne allein. Um sich zu erholen, ziehen sie sich gerne zurück. Ihre Stärke liegt in einer eher kontemplativen Haltung, Durchhaltvermögen und der Fähigkeit, Struktur und Ordnung in zunächst chaotische scheinende Sachverhalte zu bringen. Diese Fähigkeit lässt sich auch im Bereich der Konfliktlösung sehr gut nutzen.

Wesentlichen Einfluss auf das Entstehen und den Verlauf von Konflikten nimmt die emotionale Stabilität eines Menschen (Neurotizsmus): Diese beschreibt vor allem die Sensibilität eines Menschen. Neurotizismus entscheidet auch über die Art und Weise, wie wir auf negative äußere Einflüsse (z. B. Stress) reagieren. Sehr sensible Menschen bevorzugen sichere Strukturen. Durch Konflikte fühlen sie sich rascher belastet als emotional stabilere Menschen. Sie sind durch nichts erschütterbar und lassen sich auch durch aufreibende, konfliktbeladene Situationen nicht aus der Ruhe bringen.

Auswirkungen auf Konflikte

Das Wissen um die oben genannten Persönlichkeitseigenschaften lässt vor allem auf Eines schließen: Treffen Menschen mit stark unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen aufeinander, spiegeln sich darin meist auch stark divergierende Interessenslagen. Damit stehen Konflikte auf der Tagesordnung.

Das Wissen um die Eigenschaften des jeweils anderen hilft uns aber auch, unser Gegenüber besser zu verstehen. Das individuelle Persönlichkeitsprofil (z. B. Master Person Anlalysis) eines Menschen gibt uns auch die Möglichkeit, Konflikte zu entschärfen und damit zu einer Kalmierung der Situation beizutragen.

Diesen Vorteil können auch Mediatoren und Organisationsentwickler nutzen: Denn je mehr wir über die individuellen Interessen und Verhaltenstendenzen von Medianden wissen, desto größer werden unsere Chancen, die Motive und Bedürfnislagen von Klienten in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Mit diesem Verständnis können wir den Verlauf von Konflikten nicht nur prognostizieren, sondern auch entscheidend zur Lösung dieser Konflikte beitragen.

About the Author

Judith GirschikView all posts by Judith Girschik

Copyright 2019 | Österreichischer Bundesverband für Mediation: Fachgruppen News