Mediationstagung „Konfliktmanagement in Österreichs Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ – Nachlese ÖBM Tagung

Unter dem Motto „Konfliktmanagement in Österreichs Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ ging am Freitag, dem 5. Juli, die erste Tagung der Fachgruppen des Österreichischen Bundesverbands für Mediation (ÖBM) über die Bühne. Die Kulisse für die mit über 120 Teilnehmern sehr gut besuchte ÖBM-Tagung bot das Wiener Palais Strudlhof.

Vor dem Hintergrund polarisierender Tendenzen in der österreichischen Gesellschaft bildete ein spannender Vortrag des internationalen Konfliktforschers Prof. Friedrich Glasl den Auftakt dieser interessanten Veranstaltung. Glasl, dessen Beiträge aus der deutschsprachigen Konfliktmanagementliteratur kaum mehr wegzudenken sind, legte in seinem Vortrag besonderes Augenmerk auf die Entwicklung gegenläufiger Tendenzen auf unterschiedlichen Ebenen unserer Gesellschaft. Unter Bezugnahme auf Makro-, Meso- und Mikroebenen diskutierte er Spannungsfelder, deren Qualität sich auf unterschiedlichen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ebenen manifestiert.

Videobericht: Eine Zusammenfassung dieser Tagung finden Sie auch hier.


Auftakt mit Prof. Friedrich Glasl

Zunehmende Polarisierung, so Glasl, schafft Unsicherheiten, die bis auf die individuelle Ebene wirken. Diese Unsicherheiten gründen auf einer grundlegenden Achsenverschiebung in der Politik. Polaritäten seien heute weniger zwischen den linken und rechten Flügeln einer Gesellschaft zu suchen, sondern eher zwischen offenen und geschlossenen Gesellschaften. Vor diesem Hintergrund würden, so der Redner, auch Spannungen zwischen dem Wunsch nach wirtschaftlichem Wachstum und dem Wohlergehen aller („Wellbeing for All“), zwischen Aufklärungsbasiertheit und Entwicklungsorientierung spürbar und sichtbar. In der Folge entwickelten sich Selbstvertrauen, Wertschätzung und Toleranz oder eben Angst, Abwertung und Intoleranz.

Auf der einen Seite stünden die Interessen des größeren Ganzen unserer Gesellschaft, basierend auf einem kosmopolitischen Verständnis der politischen Akteure, dem Anerkennen und der Nutzung von Interdependenz, Vernetzung und der daraus resultierenden Komplexität. Auf der anderen Seite fänden sich Partikularinteressen mit einem Blick auf gegenläufige Ziele. Hier gehe es den Proponenten etwa um die Nutzung und den Ausbau von Abhängigkeiten. 

Videobericht: Den kompletten Vortrag von Prof. Glasl finden Sie hier. 


Individualisierung der Gesellschaft

Gesamtgesellschaftlich können wir einen Trend zur Individualisierung, der Vereinzelung von Individuen, beobachten. Diese Entwicklung wird nicht zuletzt durch die immer weiter um sich greifende Digitalisierung befeuert. Politisch betrachtet stehen hier kurzfristige Erfolge und unmittelbare Bedürfnisbefriedigung (etwa sichtbare Erfolge innerhalb einer Legislaturperiode) dem Wahrnehmen von Verantwortung für langfristige Lösungshorizonte gegenüber. Gerade kurze Legislaturperioden zielen daher eher auf das kurzfristig Machbare. Langfristige Konsequenzen unseres Tuns werden dabei häufig außer Acht gelassen, dies zulasten der uns nachfolgenden Generationen.

Gerade um die langfristigen Interessen unserer Gesellschaft im Blick zu behalten, sei eine Stärkung der Zivilgesellschaft wichtig. Denn insgesamt, so Glasl, sei „Politik zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen.“ Wenn langfristige Lösungshorizonte missachtet werden, folgt der Verlust des Vertrauens in Berufspolitikerinnen, vor allem vor dem Hintergrund wachsender fundamentalistischer Tendenzen.


Tunnelblick auf der Ebene des Individuums

Auch auf der Ebene des Einzelnen lohnt sich ein Blick auf diese Polaritäten. Der gedankliche Umgang mit Widersprüchlichkeiten kann zu Spannungen führen. Je nach individuellem Persönlichkeitsprofil und Verhaltenstendenz, kann dieser Stress uns in einen gedanklichen Tunnel führen (Tunnelblick) und damit zu kognitiver Kurzsichtigkeit. Die Folge ist ein eingeschränkter Blick auf die Realität. Unseren Blick wieder für die Komplexität unserer Umgebung zu öffnen, ist nicht nur Aufgabe von Politik und Gesellschaft, sondern auch Aufgabe jedes Einzelnen.


Podiumsdiskussion unter der Moderation von Gerald Gross

In der an denVortrag von Prof. Glasl anschließenden Podiumsdiskussion wurden unterschiedliche Fragen erörtert, wie:„Nicht der Konflikt ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie wir damit umgehen.“ Und „Kommunikation kann schiefgehen, Nicht Kommunikation geht immer schief.“, so Frank Richter: Je besser Integration funktioniert, so Richter, desto mehr Interesse besteht an einem Mitspracherecht und umso mehr Konflikte gibt es. Die Sorge, dass uns Konflikte über den Kopf wachsen, lässt sie uns vermeiden. Demokratie muss also gelernt werden und sie wächst von unten nach oben. So wichtig Kommunikation ist, so wichtig sind auch Auszeiten, um diese permanente Kommunikation und Informationsflut verdauen zu können. Das Prinzip Wettbewerb sollte nicht alle Lebensbereiche durchdringen.


Konflikte werden immer stärker instrumentalisiert, so Mag. Vilim. Internationale Krisen und Ungleichgewichte wirken bis zu uns. Stabile politische Verhältnisse, soziale Sicherheit und die Beseitigung von Armut sind ein Teil der Agenda 2030, des Masterplans für ein gesundes Leben für alle. Es braucht politischen Willen und eine entsprechende Kultur, um Konflikte zu lösen und Demokratie lebendig zu lassen. Wer es in der Wirtschaft an die Spitze geschafft hat, muss, so Dr. Schwarzer, Kompetenz bewiesen haben. Zu dieser Kompetenz zählt auch der gelungene Umgang mit Konflikten. Je höher Führungskräfte in Hierarchien gelangen, desto verdeckter werden Konflikte ausgetragen und desto aufwändiger werden in der Folge die Maßnahmen, die zur Bereinigung solcher Konflikte beitragen sollen. Um als Mediator etwa in Konzernen bestehen zu können, braucht es daher die entsprechende Systemkompetenz und auch die Kenntnis des nötigen, für das jeweilige System relevanten Vokabulars.

Hören wir auf, nur das Negative an technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu sehen, rief Mag. Hirschbrich auf. Würden wir weniger auf Untergangsszenarien fokussieren und aufhören, Opferdebatten führen, und stattdessen mehr auf Systeme und Fakten achten, würden wir erfolgreicher in der Bewältigung aktueller Konflikte. In diesem Sinne sollten wir soziale Netzwerke nicht dämonisieren, sondern neue Technologien sinnvoll für uns einsetzen. Sollten wir deren Rahmenbedingungen verändern wollen, müssten wir jedenfalls deren relevante Parameter kennen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag auf dem „menschlichen Faktor“ in Schulen (Dr. Buchegger) und auf der Bedeutung Kompetenz von Schulen und Lehrern in Sachen Cybermobbing.

Von Kurt Faller wurden schließlich zahlreiche positive Beispiele von Konfliktmanagementsystemen in Kommunen aufgezeigt. Allerdings braucht es mehr Mediatoren, so Faller, die die nötige Systemkompetenz haben. Und es liegt auch an uns Mediatoren, Mediation für unser Umfeld noch attraktiver zu machen.

Video: Einen Videomitschnitt der Podiumsdiskussion finden Sie hier


Workshops

Am Nachmittag wurden in einer Reihe von Workshops zahlreiche Aspekte von Konfliktmanagement und Mediation in unserer Gesellschaft diskutiert. Vier unterschiedliche Workshops beleuchteten die Gestaltung gesellschaftlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen. Themen waren politischer Diskurs, Konfliktprävention, die Integration unterschiedlicher Interessenlagen in Gemeinden, sowie Konfliktursachen im interreligiösen Bereich.

Die zahlreichen Diskussionen gaben den Teilnehmern Raum für den Ausdruck persönlicher Haltungen und Sichtweisen. Die Ergebnisse der Workshops zeigen vor allem eines: Über den Erfolg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entscheidet die Frage, ob die Ziele, die wir verfolgen, stimmig sind mit den Wegen, die wir dorthin einschlagen.

Diese Wege sind gepflastert mit Werten und Prinzipien, die oft widersprüchlicher nicht sein können. Die damit verbundenen Mehrdeutigkeiten und das Gefühl mangelnder Sicherheit müssen wir lernen zu akzeptieren. An der dafür nötigen Ambiguitätstoleranz müssen wir stetig arbeiten. Appelliert wurde abschließend, in der täglichen Mediationsarbeit aus den bereits bestehenden Konfliktlösungsmodellen zu lernen und daran anzuknüpfen.


Ausblick
In der Mediation besteht noch viel Handlungsbedarf, dazu zählt der Bedarf an Professionalisierung,  vor allem im Umgang mit möglicher Radikalisierung. Als Mediatoren müssen wir darauf achten, unterschiedliche Situationen individuell und mit dem nötigen Feingefühl zu behandeln. Darüber hinaus braucht es weitere themen- und methodenspezifische Angebote. Die Fachgruppen des Österreichischen Bundesverbandes für Mediation wollen sich dieser Herausforderung stellen und planen, entsprechende Angebote zu schaffen.


Hintergrund dieser Tagung

Die Tagung „Konfliktmanagement in Österreichs Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ wurde möglich durch die ehrenamtliche Initiative der Fachgruppen „Öffentlicher Bereich“ (Dr. Christa Fischer-Korp), „Gesundheit und Soziales“ (Mag. Susanne Ertl), „Nachbarschaft und Interkulturelles“ (Dr. Astrid Reinprecht“) und „Schule und Bildung“ (Mag. Christine Haberlehner) sowie „Wirtschaft“ (Dr. Judith Girschik).


Danksagung

Die Fachgruppen des ÖBM bedanken sich bei allen KollegInnen, vor allem aber den MitarbeiterInnen des ÖBM-Büros für die umfassende Unterstützung, mit der diese Veranstaltung erst möglich und zu einem großen Erfolg wurde. 


Autorinnen: Dieser Artikel wurde von Dr. Judith Girschik und Mag. Susanne Ertl verfasst.


Fotos: Klaus Prokop

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